Sozialpolitischer Kommentar

Die große Angst vor der Bürgerversicherung

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Kaum waren die "Jamaika"-Verhandlungen geplatzt und die SPD rückte als Partner einer Großen Koalition wieder näher, warnten Verbände der Ärzteschaft in einer Welle von Pressemeldungen vor der Bürgerversicherung. Die Genossen wollen eine solche Gesundheitsversicherung, "in die alle einzahlen und durch die alle die notwendigen medizinischen Leistungen bekommen", seit Jahren umgesetzt sehen – bisher scheiterten sie an der Unionsübermacht. Jetzt sind die politischen Machtverhältnisse allerdings anders, wodurch sich viele Ärzte bereits wieder dem drohenden Monster Bürgerversicherung gegenübersehen. Vor allem die Angehörigen der freien Berufe im Gesundheitswesen warnen eindringlich vor ihm.

"Bürgerversicherung gefährdet Gesundheitsversorgung" – so lautet zusammengefasst der Tenor dieser Kritiker. Im Einzelnen heißt es: "Eine Bürgerversicherung würde kein einziges der potenziellen Probleme lösen, vor allem nicht die Herausforderungen einer älter werdenden Bevölkerung" oder auch "Wir brauchen in Zukunft ein Gesundheitssystem, das sicherstellt, dass die Mittel dorthin fließen, wo der größte gesellschaftliche Bedarf herrscht." Von einem "Turbolader in die Zwei-Klassen-Medizin" spricht der Präsident der Bundesärztekammer, der einen exklusiven Zugang zur Spitzenmedizin für Selbstzahler oder über teure Zusatzversicherungen prognostiziert.

Der Verband der Privaten Krankenversicherung (PKV) reiht sich ebenfalls ein in den Kanon der Klagenden: "Die ambulante Versorgung durch niedergelassene Ärzte darf nicht zum machtpolitischen Spielball werden." Einer Studie der PKV zufolge drohen durch den Wegfall von Privatpatienten pro Jahr Honorarverluste von im Schnitt 31.000,00 EUR bei Kinderärzten. Bei Internisten sind es 55.000,00 EUR, bei HNO-Ärzten 77.000,00 EUR. Augenärzte und Orthopäden müssten auf 125.000 bzw. 140.000,00 EUR verzichten, Radiologen gar auf 270.000,00 EUR jährlich. Tausende Arztpraxen, Zahnärzte, Hebammen und Physiotherapeuten müssten aufgeben, so der Verband. Allerdings steht die PKV mit der Bürgerversicherung ebenfalls vor dem Aus – zumindest als Anbieter von Vollversicherungen.

In wie weit mit einer Bürgerversicherung tatsächlich Versorgungseinschränkungen für die Patienten verbunden wären, lässt sich kaum vorhersagen. Es geht schließlich um mehr als nur um die Finanzierung, hier spielen auch neue Versorgungsformen eine Rolle, die Nachwuchsgewinnung, Kooperationen ambulant-stationär im ländlichen Raum oder auch Reformen in der Krankenhauslandschaft.

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