Sozialpolitischer Kommentar

Ein unausgereiftes Reformkonzept

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Die Notfallversorgung in Deutschland ist ein Notfall. Zu viele Player arbeiten unkoordiniert. Doch wird jetzt aufgeräumt, mit der Krankenhausnotfallversorgung wird begonnen. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat hierzu ein gestuftes System beschlossen, das sowohl die Basisnotfallversorgung als auch die Spezialversorgung z.B. in Stroke Units beinhaltet. Vorgegeben werden nach Inkrafttreten des Beschlusses Mindestanforderungen, die letztendlich in Zu- und Abschlägen bei der Vergütung der stationären Leistungen münden sollen.

Diese Vorgaben könnten allerdings die Krankenhausnotversorgung ordentlich verändern und nicht nur zum Positiven. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fürchtet, dass bis zu 700 Notaufnahmen geschlossen werden müssen. Ob das in jedem Fall zum Nutzen der Patienten ist, wird erst die Praxis zeigen.

Sicher, Beschlüsse werden im Gemeinsamen Bundesausschuss demokratisch gefasst. Aber wenn die Seite, die von einem Beschluss am meisten betroffen ist, überstimmt wird, dann scheint doch etwas nicht in Ordnung zu sein. Sollte bei einem so fundamentalen Thema wie der Notfallversorgung nicht ein Weg gefunden werden, der für alle begehbar ist? Wo jede Seite dem Bedarf und den Kosten entsprechend Verantwortung übernehmen muss? Auch die ambulanten Notfallstrukturen sind dringend zu optimieren, damit Patienten mit nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen zuerst hier Hilfe suchen. Die Verbände der Kassenärzte haben hierzu bereits vieles angestoßen oder in Planung.

Ein sektorenübergreifendes Konzept zur Notfallkonzept ist nötig und keine Einzelseitenbetrachtung. Schon Anfang März hatte der Bundesärztekammerpräsident Professor Montgomery den G-BA aufgefordert, seine Beratungen zur Neugliederung der Notfallversorgung zu stoppen. Man brauche keine unausgegorenen Reformkonzepte, sagte er mit Verweis auf die Notwendigkeit von ausreichend Versorgungskapazität gerade in Krisenzeiten. Vielleicht ist aber auch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Beim 121. Deutschen Ärztetag wird die Notfallversorgung eines der großen Themen sein.

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