Sozialpolitischer Kommentar

Lebensgefährliche Engpässe

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Stellen Sie sich vor, Sie werden schwer krank und es gibt ein Medikament, welches Sie heilen könnte, dieses ist aber nicht verfügbar, weil es international Lieferschwierigkeiten gibt. Aktuelles Beispiel ist Pip/Taz, Piperacillin/Tazobactam. Das Breitbandantibiotikum wird bei schweren Infektionen eingesetzt. Eine Alternative gibt es nicht. Grund für den Lieferengpass ist eine Explosion im Werk eines chinesischen Roh- bzw. Wirkstofflieferanten. Ein anderes Beispiel ist Melphalan zur Behandlung des Multiplen Myeloms. Lieferdefizite bestanden bereits 2014, 2015 und 2016. Aktuell ist das Medikament gegen Knochenkrebs aufgrund eines technischen Problems in der italienischen Produktionsstätte nicht uneingeschränkt lieferbar.  

Auf den Webseiten des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie des Paul-Ehrlich-Instituts sind aktuell 20 Humanarzneimittel bzw. 30 Impfstoffe gelistet, die - laut Definition des Lieferengpasses - über einen Zeitraum von mehr als zwei Wochen nicht oder nur eingeschränkt verfügbar sind. Der Eintrag ist allerdings für die Hersteller freiwillig, auch sind nur Medikamente mit "besonderem Informationsbedarf der Fachöffentlichkeit" erfasst. Experten schätzen, dass allein beim BfArM drei- bis viermal so viele Mittel fehlen wie angegeben.

Ärzteverbände und die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnen seit Jahren vor Konsequenzen durch Lieferengpässe für die Patienten. Dem Bundesgesundheitsminister ist die Brisanz der Entwicklung bewusst, der Pharmaindustrie auch. Der Pharmadialog hat das Thema deshalb letztes Jahr aufgegriffen und ein Jour fixe mit Herstellern, Großhändlern und Apothekern dient jetzt der Marktbeobachtung. Ob das reicht ist fraglich. Schließlich ist das Streben nach Gewinnoptimierung bzw. Einsparungen auf allen Seiten groß. Der neue Gesundheitsminister wird wahrscheinlich mehr Druck machen müssen, damit Lieferengpässe nicht wirklich noch zur Katastrophe für Patienten führen.

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