Sozialpolitischer Kommentar

Träumen von glücklichen Menschen

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Nicht selten rettet die schnelle medizinische Interventionen Menschenleben. Doch was ist, wenn es kein Krankenhaus mit Notversorgung mehr in der Nähe gibt? Ja, nicht einmal mehr einen Hausarzt, den man notfalls anrufen kann. Ein Regionalpolitiker sagte einmal, drei Personen haben früher das Leben einer Gemeinde abgesichert: der Arzt der Apotheker und der Pfarrer. Das Drei-Personen-Fundament existiert inzwischen in vielen kleinen und Kleinstgemeinden nicht mehr.

Laut Bundesregierung leben inzwischen rund 40 % der Bevölkerung in strukturschwachen Gebieten, darunter nicht nur ländliche Regionen, sondern auch Zentren mit weggebrochener Industrie sowie zahlreiche Grenz- und Küstenregionen. Ein Modernisierungsprogramm für das ganze Land soll das ändern. Wie das konkret aussehen könnte, hat eine Kommission arbeitet. Ihre Handlungsempfehlungen für gleichwertige Lebensverhältnisse deutschlandweit liegen seit kurzem vor. Bis 2040 sind für die Umsetzung und 600 Millionen EUR an Bundesmitteln vorgesehen. Bundesforschungsministerin Anja Kaliczeck zeigt sich optimistisch angesichts zukünftiger "Regionen mit Leben, wo Menschen ihr Zuhause, ihre Arbeit und ihr Glück finden". Innovation und Strukturwandel sollen "eine gute Versorgung mit sozialer Infrastruktur wie Kitas, Schulen, Pflege- und Gesundheitseinrichtungen sowie lebendige Sport-, Kultur- und Freizeitangebote" ermöglichen.

Notwendige Veränderungen mahnt auch eine Untersuchung des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung an. Zur Neuordnung der Krankenhauslandschaft wird eine Reduzierung der Zahl der Krankenhäuser von derzeit rund 1.400 auf 600 vorgeschlagen. Viele Häuser seien zu klein und verfügten oftmals nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall angemessen zu behandeln, heißt es. Die Kritik ist nicht neu, auch nicht die Forderung, statt der Schließung des einzigen Krankenhaus in der Region stationäre und ambulante Angebote zusammenzufügen. Viele gute solche Ansätze gibt es auch schon. Doch oft gelingt es trotz vieler Bemühungen und mit guter Konditionen nicht, Arbeitskräfte auch in abgelegene Ecken zu locken bzw. sie dort zu halten. Das politische Ziel, bundesweit gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen zu wollen, ist deshalb wohl eher ein Ideal als umsetzbar.  

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