Sozialpolitischer Kommentar

Nationales Agieren löst das Problem nicht

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Erinnern Sie sich an den Pharmadialog von 2016? Um Lieferengpässen von Arzneimitteln entgegenzuwirken, hieß es im Ergebnis, werde eine Liste besonders versorgungsrelevanter, engpassgefährdeter Arzneimittel erarbeitet. Ein "Jour Fixe" unter Beteiligung der Bundesoberbehörden und Fachkreise sollte die Versorgungslage beobachten. Die Listen gibt es inzwischen. Auch elf Jour Fixe fanden mittlerweile statt, am Tisch Vertreter der Fachgesellschaften, der Apotheker- und der Ärzteschaft, der Herstellerverbände und der Bundesländer. Diese Gespräche und zahlreiche gesetzliche Regelungen haben die Transparenz über die Versorgungsprobleme verbessert. Einfluss auf einen Lieferstopp, der z.B. folgt, wenn eine Wirkstoffproduktion in Asien wegen Qualitätsmängeln geschlossen wird, hat das allerdings nicht.

Lieferengpässe sind nach wie vor ein Thema von hoher Brisanz, vor allem für Patienten, deren Leben von nicht lieferbaren und nicht austauschbaren Medikamenten abhängt. Mitte September war für 229 Humanarzneimittel die Lieferung nicht gesichert.

Verwunderlich ist deshalb nicht, dass immer wieder die Forderung nach einer nationalen Arzneimittelreserve für lebenswichtige Präparate mit erhöhtem Versorgungsrisiko aufkommt. Doch ist eine solche Vorratshaltung, die z.B. von der Vizepräsidentin der Bundesärztekammer Dr. Ellen Lundershausen befürwortet wird, tatsächlich die Lösung?

Der Präsident der Bundesapothekerkammer Dr. Andreas Kiefer bemerkt in der aktuellen Ausgabe des G+G-Magazins der AOK, jede öffentliche Apotheke müsse bereits heute den durchschnittlichen Arzneimittelvorrat für eine Woche bereithalten, jede Krankenhaus- und krankenhausversorgende Apotheke den Vorrat für zwei Wochen. Versorgungssicherheit bringt aus seiner Sicht nur das Vorgehen gegen die "Schnäppchenmentalität" nach der sogar lebenswichtige Medikamente immer billiger würden. Auch der Gesundheitswissenschaftler Prof. Dr. Gerd Glaeske, Universität Bremen, sieht in der nationalen Arzneimittelreserve nicht die Lösung. Er schlägt stattdessen vor, über eine Verschärfung des § 52b im Arzneimittelgesetz Pharmafirmen zu verpflichten, zukünftig nicht mehr nur für zwei, sondern für acht Wochen Medikamente zur Bedarfsdeckung vorzuhalten. Hersteller sollen bei Lieferproblemen auch mit den Beschaffungskosten belastet werden.

Ein nationaler Ansatz wird jedoch bei einer Produktion von Arzneimitteln durch global agierende pharmazeutische Unternehmen nicht der Lösungsweg sein, denn er wird lediglich die Ausmaße eines Lieferengpasses mindern helfen, an die Wurzel des Übels geht er nicht. Dass die Union das Bundesgesundheitsministerium mit einem Positionspapier forcieren will, Lieferengpässen nachhaltig vorzubeugen, also am Ball zu bleiben, ist positiv zu werten. Die hier angedachten Rabattvertragsänderungen können bei Engpässen deutschen Patienten helfen, eventuelle Exportbeschränkungen für Großhändler und Apotheken sind m.E. jedoch recht national gedacht, wenn man bedenkt, dass ggf. auch Patienten anderer Länder von Ausfällen betroffen sind.        

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