Sozialpolitischer Kommentar

Der Knackpunkt wird die Verteilung sein

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Tausende Freiwillige bieten derzeit ihre Hilfe an. Ärzte im Ruhestand, Ärzte in zwangsweiser Kurzarbeit, Medizinstudenten. Sie wollen in der Corona-Krise ihren Beitrag leisten. Die Frage ist, wie kommt das Personal dorthin, wo es am dringendsten gebraucht wird. Bei der Steuerung gibt es noch Defizite. Die neue, kurzfristig im März beim Hackathon #wirvsvirus der Bundesregierung entwickelte Plattform der Initiative match4healthcare soll jedoch Helfer und Gesundheitseinrichtungen zusammenbringen. Hoffentlich gelingt es, viel Zeit zum Erproben bleibt nicht.

Wie sich inzwischen zeigt, könnte es bald auch ein Problem geben, wenn es um die Steuerung von Erkrankten zum freien Intensiv- bzw. Beatmungsbett geht. Zurzeit stehen die meisten deutschen Betten noch leer, aber Frankreich, Italien und Spanien zeigen, dass sich das schnell ändern kann. Nach Informationen Berliner Medien sollen in der Hauptstadt die schweren Fälle zentral verteilt werden. Zuständig ist dafür die Charité. Das gemeinsam mit dem Senat erarbeitete Konzept nennt sich "Save Berlin@Covid 19". Ähnliche Aktivitäten gibt es auch andernorts. In Nordrhein-Westfalen z.B. schafft das Virtuelle Krankenhaus die Vernetzung in der Fläche. Doch muss hier nicht über die Grenzen der Bundesländer gedacht werden? Die dramatischen Entwicklungen in den Hotspots Europas zeigen doch, dass es längst nicht mehr ausreicht, nur die verfügbaren Betten in einer Region zu betrachten.

Prof. Dr. Reinhard Busse ist Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, geht davon aus, dass selbst bei italienischen Behandlungszahlen das deutsche Gesundheitssystem nicht an seine Grenzen stoßen wird. Rechne man sieben Tage Beatmungspflicht, könnten bei Vorhalten von 50 Prozent der Intensivbetten für COVID-19-Patienten 2000 Neuerkrankte täglich aufgenommen werden. Demgegenüber hält es der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Prof. Dr. Lothar H. Wieler, durchaus für möglich, dass die deutschen Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen geraten. Entscheidend wird wahrscheinlich sein, wie es gelingt, verfügbare Kapazitäten gezielt zu erfassen und einzusetzen. Denn so, wie heute Patienten aus Italien oder Frankreich nach Deutschland verlegt werden, müssen vielleicht in wenigen Tagen oder Wochen Schwerkranke von Dessau nach Magdeburg oder Hannover verlegt werden.

Laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gibt es für den Überblick die DIVI-Datenbank der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Allerdings seien die Einträge zurzeit noch nicht verpflichtend. Er wolle dies aber mit einer bundesrechtlichen Grundlage ändern, so der Minister. Legen Sie los, Herr Spahn, schnellstens!   

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