Sozialpolitischer Kommentar

Ist Vorpreschen ein Fehler? Wir werden sehen.        

Cornelia Kolbeck, Freie Journalistin für Medizin und Gesundheitspolitik

Deutschland, sowohl die Bundesregierung, als auch die Bürger, haben sich in den vergangenen Wochen gemeinsam erfolgreich gegen die Corona-Pandemie gestellt. Allerdings scheint die Bereitschaft auf beiden Seiten nachzulassen. Politiker geben dem Druck der Wirtschaft nach und die Menschen streben nach Freiheit. Viele ignorieren die Warnung der Virologen, dass wir eine Gratwanderung vollführen und abstürzen könnten, heißt, dass die Infiziertenzahlen wieder deutlich zunehmen. Verwunderlich ist das nicht, denn Pandemien kennen wir hierzulande nur aus dem Geschichts- und Biologieunterricht. Selbst Ebola ist weit weg. Die jetzige Krise ist zudem eine völlig neue, auch, weil das Virus ein neues ist.

Besonders deutlich wird das in den wöchentlichen Pressekonferenzen zum Thema. Angesprochen werden hier viele Unbekannte. Die Zahlen zum Infektionsgeschehen sind mit einem großen Dunkelfeld behaftet. Es gibt Tausende Betten auf Intensivstationen, die für COVID-19-Patienten freigehalten, aber nicht belegt wurden. Es gibt eine Kapazität von wöchentlich über 600.000 PCR-Tests auf SARS-CoV-2, von denen weniger als die Hälfte abgerufen wird. Und jetzt gibt es auch noch den Entwurf eines "Zweiten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite", der einen Immunitätspass vorsieht und eine Impfung gegen Corona zur Pflicht machen kann – obwohl es bisher noch keinen Immunitätsnachweis und auch noch keinen Impfstoff gibt. Und noch zu erwähnen wäre die Maskenpflicht in Shop und Bahn, der sich nun alle unterordnen müssen, obwohl sich Virologen und Politiker ursprünglich eindeutig zum Nicht-Nutzen von Community-Masken geäußert hatten.

Die Lage ist schwierig und unübersichtlich. Und die jetzt aus einzelnen Bundesländern über die Republik drängende Lawine aus Lockerungen macht die Sache nicht einfacher. Bleibt zu hoffen, dass alles gut geht und die Krise weiterhin beherrschbar bleibt. Glücklicherweise agiert der Bundesgesundheitsminister für seinen Bereich besonnen, ebenso wie es die ambulanten Ärzte und die Krankenhäuser tun.    

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